Schönen Tag noch für Sie ...

Haben Sie es auch schon bemerkt? Seit einiger Zeit schwappt eine Welle der Freundlichkeit über unser Land. Eigentlich ja eine positive Feststellung. Aber Wellen machen nass- und das ist nicht immer angenehm. Alles klebt.
Ich habe ja nichts dagegen, wenn man nett zueinander ist, würde mich selbst auch als freundlichen Menschen bezeichnen. Was mich nur wundert, ist die Tatsache, dass man Freundlichkeit plötzlich lernen kann.
Die selbe Verkäuferin im Baumarkt an der Kasse, der vor einem Jahr noch nicht mal ein Lächeln über die Lippen ging, kommentiert heute den Abschluss des Zahlungsvorgangs mit „Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag“. Diesen Satz hat sie auswendig gelernt. Lächeln kann sie immer noch nicht.
Dass ich mir gerade fast einen Bruch gehoben habe, um Ihr den Barcode auf dem Zementsack entgegenzustrecken, bemerkt sie noch nicht einmal.

Interessieren sich diese Menschen wirklich für den weiteren Verlauf meines Tages?

Beim Bäcker hängt ein großes Schild, auf dem in klaren Worten steht: „Brot wird nicht geschnitten“. Punkt. Nein, nicht etwa: „bitte haben Sie Verständnis, dass wir Brot nicht schneiden können“. Warum nicht? Wahrscheinlich brächte die richtige Schreibweise des Wortes Verständnis einen erheblichen Mehraufwand mit sich.
Ich frage nach zwei Mohnbrötchen*, zwei Sesambrötchen* und zwei Mehrkornbrötchen* (*für unsere bayerischen Leser: Brötchen=Semmeln). Natürlich greift sie nach den Brötchen, die kleiner sind und oben verkohlt. Ich möchte nicht kleinlich sein. Irgendjemand muss sie ja essen – warum also nicht ich? Dass sie jetzt nur ein Mohnbrötchen in die Tüte steckt, stattdessen aber zwei Rosinenbrötchen, will ich ihr noch mal nachsehen. Sie ist ja schließlich auch nur ein Mensch. „Sonst noch?“, fragt sie mich. Das Sprechen in ganzen Sätzen haben wir im Laufe der Evolution mehr und mehr verlernt. „Nein danke,“ antworte ich.
„Zweineunzig“, sagt sie brummig, ohne mich dabei anzusehen. Ich zahle, sie legt mir kommentarlos die Tüte auf die Theke. Ich bedanke mich, nehme die Tüte. Und dann, während ich gehe, ergießt sich von hinten ein Schwall erlernter Freundlichkeit über mich. „Schönen Tag noch für Sie“, sagt die Verkäuferin, als hätte ich einen Schalter betätigt.